Kap.1.7 Elsbeth und Misha im Wintergarten#

04.05.2138
Elsbeth wanderte ziellos durch die Thjodhild. Am liebsten hielt sie sich in den Gewächshäusern auf. Dort fühlte sie sich sicher, weit weg von den anderen Menschen und dem technischen Firlefanz, von dem sie wenig verstand. Zugegeben, auch hier dominierte die Technik. Pro Person waren vierzig bis fünfzig Quadratmeter Pflanzmodule erforderlich, ausgestattet mit modernster Technik. In den Gondeln standen diese in langen Reihen. Die Pflanzen steckten nicht in der Erde, sondern ihre Wurzeln hingen frei in der Luft und wurden regelmäßig mit pestizidfreien Nährlösungen besprüht. Die biologischen Abwässer der Mannschaft dienten dabei als Düngemittel. Lampen spendeten Licht in verschiedenen Farben, abgestimmt auf die Wellenlängen, die das Wachstum der Pflanzen optimal förderten.

Elsbeth mochte den Duft von Gemüse, Obst und Kräutern in den Gewächsgondeln. Sie schlenderte durch die Gänge zwischen den Behältern und beobachtete Leifs Assistenten bei der Pflege der Pflanzen. Die humanoid wirkenden Maschinen bewegten sich fließend und schienen ihre Umgebung mit beachtlicher Präzision zu erfassen. Sie agierten autonom innerhalb ihrer programmierten Aufgaben: Sie erkannten, wenn eine Pflanze zusätzliche Pflege benötigte, justierten den Wasser- oder Nährstoffbedarf und inspizierten die Wurzeln auf Anzeichen von Krankheiten. Doch Elsbeth wusste, dass ihre Tätigkeit niemals über den Rahmen der ihnen zugewiesenen Aufgaben hinausging. Ohne grundlegende Anweisungen von Leif wären sie nicht in der Lage, eine neue Aufgabe wie das Bestücken einer weiteren Gondel eigenständig zu initiieren.

Das Design der Assistenten war nüchtern und zweckmäßig: Ein schlichter Kopf mit glatten Oberflächen, ausgestattet mit Kameras und Sensoren, die ausschließlich darauf ausgelegt waren, ihre Umgebung zu analysieren. Trotz ihrer menschenähnlichen Gestalt war unübersehbar, dass sie Maschinen waren. Ihre neutralen, emotionslosen Bewegungen luden nicht zur Vermenschlichung ein.

Elsbeth blieb vor einem Assistenten stehen, der gerade die Wurzeln eines Salatkopfes inspizierte. Seine Sensoren schwenkten leicht, während eine zentrale Kamera sie fixierte.

„Welche Aufgaben erfüllst du hier im Gewächshaus?“, fragte sie.

Die Antwort kam in einer sachlichen, gleichmäßigen Stimme, die jede Emotion vermissen ließ: „Ich überwache und pflege die Pflanzen. Ich prüfe ihren Zustand, passe die Nährstoffzufuhr an und nehme mechanische Anpassungen vor, abhängig von ihrem Wuchs und ihrer Entwicklung. Nach Abschluss ihrer Wachstumsphase ernte ich die Pflanzen und bereite sie zur Verwendung vor. Überschüsse werden eingefroren. Konnte ich Ihre Frage damit zufriedenstellend beantworten, Miss Elsbeth?“

„Ja, konntest du“, antwortete sie trocken. Es war nur ein Assistent. Kurz verspürte sie den Impuls, ihn – wie es früher ihre Art war – zu beleidigen. Doch obwohl niemand in der Nähe war, hielt sie sich zurück. Sie musste lernen, sich zu beherrschen. Dies war nicht ihre alte Putzkolonne, wo ihre abfälligen Bemerkungen über Roboter für Gelächter sorgten. Auf der Thjodhild war sie von Menschen umgeben, die andere Maßstäbe setzten – sie musste sich anpassen.

Elsbeth durchquerte den Übergang und trat in eine der Gartengondeln. Der Duft von Blumen, frischer Erde und feuchtem Laub umfing sie, eine willkommene Abwechslung zu den metallischen Gerüchen des Schiffs. Diese Gondel war kein funktionales Gewächshaus, sondern ein Ort der Ruhe und Erholung, einer von mehreren, die über das Schiff verteilt waren. Pflanzen rankten in üppigen Grüntönen über die gesamte Breite der Gondel, ihre Formen und Farben schienen eher zum Staunen als zum Nutzen da zu sein. Decke und Wände waren riesige Visoren, die einen Himmel voller zarter Wolken und eine tief stehende Sonne zeigten, deren goldenes Licht die Szene durchflutete. Für einen Moment fühlte es sich an, als sei sie wirklich auf einem Planeten, irgendwo unter einem endlosen, friedlichen Himmel.

Inmitten des Gartens verweilte Kommandant Misha Ivanir, sein Blick war in die Ferne gerichtet. Mit dem Rücken zu Elsbeth schien er sie noch nicht bemerkt zu haben. Für einen Moment zögerte Elsbeth und überlegte, ob sie sich leise wieder zurückziehen sollte. Doch dann entschied sie sich anders. Vielleicht war dies eine Gelegenheit, das angespannte Verhältnis zu ihrem Kommandanten zu verbessern.

Sie trat näher heran und machte absichtlich durch lautere Schritte und ein leises Räuspern auf sich aufmerksam. Misha schien in Gedanken versunken und reagierte nicht sofort. Schließlich drehte er leicht den Kopf und warf ihr einen kurzen Blick aus dem Augenwinkel zu, um zu erkennen, wer ihn störte.

Elsbeth sagte freundlich: „Hallo, Kommandant Ivanir, mögen Sie den Garten auch so sehr wie ich?“

Misha ließ seinen Blick weiterhin über die Szenerie schweifen, als würde er die Worte in der Luft abwägen, bevor er sie aussprach. „Ich weiß nicht, ob unsere Stimmung hier dieselbe ist, aber ja, der Garten erzeugt bei mir die Empfindungen, für die er erschaffen wurde.“ Seine Stimme klang ruhig, fast wie eine Reflexion seiner Gedanken, die noch nicht ganz zu Ende gedacht waren.

Elsbeth bemerkte, wie seine Schultern sich ein wenig lockerten, während er sprach. Zwar wirkte seine Haltung immer noch reserviert, doch der harsche Abstand, den er früher oft zu ihr aufbaute, schien einem gedämpften Ton zu weichen. Sie fasste Mut, ihm weiter zu begegnen.

„Ich war überrascht, hier einen so prächtigen Garten zu finden. Auf der Jupiter-Station konnte ich den Garten nicht oft besuchen – die Besuchsbeschränkungen, Sie verstehen. Schon lange habe ich mich gefragt, warum so ein aufwendiger Garten auf der Thjodhild angelegt wurde. Das muss doch enorme Ressourcen erfordern. Auf den anderen Raumschiffen, auf denen ich gearbeitet habe, gab es nichts Vergleichbares. Warum hier?“

Ivanir seufzte tief und schwieg einen Moment, weshalb Elsbeth vorsichtig nachsetzte: „Entschuldigung, falls ich störe. Wahrscheinlich bin ich wieder zu neugierig oder vielleicht sogar unhöflich. Es ist nur so … ich glaube, ich muss noch viel lernen hier. Soll ich lieber wieder gehen?“

Ivanir drehte sich um und sah sie direkt an. „Nein, Neugier ist etwas Gutes. Genau deshalb existiert dieses Schiff – wegen der Neugier der Menschen auf das Wissen und die Geheimnisse des Universums. Die Thjodhild ist ein Forschungsraumschiff, kein Frachter und schon gar kein Kriegsschiff. Sie wurde dafür gebaut, lange Zeiträume, wenn nötig sogar Jahre, im All zu verbringen.“

Er hielt kurz inne, sein Blick forschend, als wolle er sicherstellen, dass Elsbeth ihm folgen konnte. Dann fuhr er mit ruhiger Stimme fort: „Auf solch langen Reisen durchs All ist es entscheidend, die Stimmung der Crew auf einem hohen Niveau zu halten. Deshalb wurden viele Bereiche des Schiffs so aufwendig gestaltet. Es geht nicht nur um Annehmlichkeiten. Die Moral und die Zusammensetzung der Crew sind entscheidend für das Gelingen einer so langen Mission.“

Ivanir warf Elsbeth einen strengen Blick zu.

‚Da ist es wieder‘, dachte sie, ‚eine dieser unterschwelligen Andeutungen, dass ich nicht dazugehöre. Ich bin kein Teil der ausgewählten Crew, sondern nur ein Fremdkörper.‘

Sie hob den Kopf und sagte: „Ich verstehe. Es tut mir leid, wenn ich die Zusammenstellung der Mannschaft störe. Aber ist das wirklich der einzige Grund für Ihre Wut und Ablehnung mir gegenüber?“

Der Kommandant sah sie lange eindringlich an. Dann atmete er tief durch und ließ die Schultern ein wenig sinken. Als er sprach, klang seine Stimme leiser, fast resigniert:„Das ist nicht alles. Es ist nicht so, dass du mich wirklich nervst, und ich sollte wahrscheinlich gelassener reagieren. Aber es läuft einfach alles schief. Zuerst sollte die Mission der Thjodhild annulliert werden, dann wurde sie genehmigt – dann wieder nicht. Zuerst war eine andere Crew geplant, aber aufgrund politischer Spielchen wurde es diese. Die Verspätungen beim Start ...“ Er rieb sich die Schläfen, als wollte er einen dumpfen Schmerz vertreiben. „Als wir endlich unterwegs waren, dachte ich, jetzt bin ich der Kommandant, jetzt habe ich die Kontrolle. Aber nein.“ Seine Hand fuhr unruhig durch sein Haar. „Dann warst du plötzlich da – ein ungewolltes Mitbringsel. Und jetzt? Der Antrieb ist zerstört. Die Menschheit zerfällt. Der Kontakt zu Jupiter bricht zusammen. Ich kann nur hilflos zuschauen und nichts wirklich zum Guten wenden. Jedes Mal, wenn ich dich sehe, erinnert mich das daran, dass ich die Kontrolle verloren habe und die Ereignisse über mich hereinbrechen, ohne dass ich etwas tun kann.“

Jetzt war es Elsbeth, die nicht sofort antwortete. „Es tut mir leid, dass ich so ein Durcheinander angerichtet habe. Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen, aber das geht nicht. Vielleicht finde ich trotzdem einen Weg, mich nützlich zu zeigen.“

Misha wandte den Blick ab und brummte: „Hast du schon. Deine Rede hat die Crew aufgeweckt – genau das, was wir jetzt brauchen. Ich hätte sie eigentlich halten sollen.“ Er zögerte, seine Stimme klang schwer: „Als Kommandant müsste ich Ruhe und Stärke zeigen. Aber die ganzen Abläufe – sie haben mich so sehr erschüttert, dass ich mich nicht davon lösen konnte.“

„Aber Sie sind auch nur ein Mensch. Niemand kann solche Nachrichten einfach so wegstecken. Das wäre unmenschlich.“

„Bei dir ist das anders“, antwortete Misha. „Wie kann das sein?“

„Ach, mich entsetzt das auch. Ich muss immerzu an meine Kinder denken. Ich wüsste gerne, wie es ihnen geht.“ Sie machte eine Pause, bevor sie weitersprach. „Es liegt wohl daran …“, setzte sie langsam wieder an, „dass ich schon oft in unmenschlichen Lebenslagen war. Entweder man lernt, damit umzugehen, oder man zerbricht.“

Misha nickte. „Du musst ein außergewöhnliches Leben hinter dir haben. Ich denke, du solltest uns beim gemeinsamen Essen später davon erzählen.“

Elsbeths Blick wanderte kurz zu den Pflanzen, als wollte sie sich einen Moment sammeln. Sie zuckte mit den Schultern und lächelte schief. „Ich weiß nicht, ob ihr das wirklich hören wollt.“ Ihre Stimme klang ruhig, fast sachlich, doch ein kaum merklicher Hauch von Bitterkeit schwang mit. Ihre Finger strichen beiläufig über eines der dicken Blätter einer Pflanze, bevor sie die Hand zurückzog, als hätte sie sich an etwas verbrannt.

Einen Moment lang sah Misha sie an. Sein Blick veränderte sich, wie ein Hauch von Verständnis, der durchschimmerte. Elsbeth spürte, dass er in diesem Moment die Akte über ihr Leben vor Augen hatte – oder zumindest das, was ihm zugänglich gemacht worden war. Sie wusste, dass seine Sicherheitsfreigabe selbst als Kommandant der Thjodhild nicht ausreichte, um alles zu erfahren. Viele Details ihrer Vergangenheit waren nicht nur entschärft, sondern absichtlich unzugänglich gemacht worden. Elsbeth fragte sich, ob sie jemals bereit sein würde, ihm – oder irgendjemandem – die ganze Wahrheit zu erzählen. Vielleicht war es besser, wenn niemand alles wusste, auch sie selbst nicht mehr.

Als sie nichts weiter sagte, zuckte Misha mit den Schultern, fast so, als würde er nicht länger nachbohren wollen. „Na gut, ich werde mal nach den anderen sehen, wie es ihnen geht. Vergiss unser gemeinsames Essen nicht.“

Misha drehte sich schließlich um und ging durch das Schott in die nächste Gondel, in den Bereich mit den Aufenthaltsräumen. Elsbeth beobachtete ihn, wie er kurz innezuhalten schien, seine Hand auf das kalte Metall gelegt. Es war ein winziger Moment des Zögerns, als wollte er noch etwas sagen, doch dann verschwand er.

Die Stille kehrte zurück, und Elsbeth ließ den Blick schweifen. Die tief stehende Sonne tauchte die Gondel in ein goldenes Licht, das durch die Blätter der Pflanzen tanzte. Der Duft von feuchter Erde und Kräutern lag in der Luft, und das leise Rascheln der Blätter vermischte sich mit dem rhythmischen Summen der Systeme. Für einen Augenblick schien alles vollkommen – ein friedlicher Ort, wie geschaffen, um zu vergessen, was draußen vor sich ging.

Doch ihre Gedanken kehrten zurück, unaufhaltsam. Was sollte sie später erzählen? Wie viel durfte sie von sich preisgeben, ohne die anderen zu überfordern? Die friedliche Szene um sie herum war ein trügerischer Trost, ein Bild des Lebens, das so fern von der dunklen Wahrheit ihrer Vergangenheit lag. Aber die Wahrheit war viel mehr. Die Wahrheit wäre zu viel gewesen – für ihn, für alle.


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Kap.1.8 Die Ahnen